hier veröffentlicht: 11.06.2009:00:49:33 bearbeitet:20.04.2011:02:11:05
Miniaturen III: meiers gebet
by beuse
Nicht, dass er sehr beschwert wäre, wenn er abends, müde, mit einem kleinen Geräusch, aus seinem kleinen Munde kommend, zischelnd, kaum hörbar, in sich drin aber sehr laut, stöhnt, während er langsam die Türklinke zu ihrer und seiner kleinen Wohnung herunterdrückt.
Es kommt erst das Licht und dann der Mittwochsgeruch der Gemüsesuppe. Maggi, dies wissen die meisten nicht, ist eine italienische Firma, man spricht es nicht Maggi, sondern Maschi. Die erste Diele, gleich nach der Schwelle knarrt quitschend, er versucht das Geräusch zu vermeiden, er ist darin besser als das Holz, die zweite Diele knarrt klassisch, dies Geräusch mag er, lässt es niemals aus.
Der Mantel ist nur ein Geräusch, er ist nicht Ding, er ist dann da, wenn er ihn hört. Es raschelt, es stritzelt streifig, seidenreibend, wenn er in ihm geht, wenn er an- und ausgezogen wird, wenn der Wind ihn bewegt, wenn er auf den Haken gedrückt wird.
Die Geräusche sind nie sofort da, nie sofort weg, sie hallen nach, sie reisen langsam, sie kommen langsam füllend, zeitversetzt, der Körper ist immer etwas schneller als der Schall. Die Gerüche sind sofort da, Maschigemüse. Er riecht dann hört er das klirrende reiben des Geschirrs, sie sitzt schon. Durch die halboffene Küchentür fällt etwas Gelb in den graulichtigen Tunnel des Flures. Er beobachtet sie, wie sie die Teller stellt, das Besteck.
Er sieht sich nachher mit ihr im anderen Zimmer, unter anderem Licht, wie sie reibend, klatschend still sind, denn Bettwäsche reibt und sex klatscht. Sexwäsche - reibeklatsch, wartend, reibend, klatschend bis es vorbei ist;klatschend, reibend, wartend, innehaltend, Gemsemaschi aus dem Mund, es riecht noch nach Gemüsemachi aus dem Mund.
Meiers Gebet: Gnade Herr. Gib und etwas Gnade, lass uns nicht so sein, lass uns uns dabei ansehen, lass uns Worte sagen, gib uns unsere Stimmen zurück.
Meier betet schon wenn er das eine Geräusch macht, beim runterdrücken der Türklinke. Meier betet den ganzen Tag dieses eine Gebet, es hat sich in ihn gefressen, er hat sich in es gefressen, es kreist, in Fetzen. Es ist sein elegisch, nebeliges Rauschen, es umströmt ihn ganz. Er kann nicht denken ohne es (sich) immer wieder zu sagen, er denkt nicht ohne es zu beten. Er weiss nicht mehr ob er die Lippen dazu bewegt, er denkt nur sie zu bewegen, oder sie bewegen sich so wie die Lippen der Alten sich bewegen, wenn sie das was man ihnen sagt, halb ablesend, mit ihren Lippen angedeutet nachformen, als könnten sie so die Schwerhörigkeit des Alters überwinden. Meiers Lippen sind geschwollen, als sage er es laut, als schreie er das Gebet heraus, den ganzen Tag lang flehend.
Schon vorher weiss er es, in der Straßenbahn, wenn neben ihm die Lolita Kaugummiblasen blasend, schmatzend in sein Ohr dringt. Wenn er ihr die Blase über den Mund stülpen will, dass sie ersticken möge daran. Am schlimmsten das ist am Neumarkt, wenn das wogende Meer der Plastiktüten über Meier zusammenschlägt.
Meier, Mensch Meier, mach Platz für die alte Frau. Meier, Mensch Meier erst aussteigen lassen, dann einsteigen. Seitenhieb in den fleischigen Assikörper, der drängelnd Meiers Ausstieg blockiert. Rein und Raus, Ellenbogenpanik;Meier kommt da aber nicht mehr raus, das geht dreissig Jahre so, einmal nur keine drängelnden, unbeherrschbaren Geräusche mehr, einmal Stimmen hören, keine Gebete.
Meiers Gebet: Gnade Herr. Gib und etwas Gnade, lass uns nicht so sein, lass uns uns dabei ansehen, lass uns Worte sagen, gib uns unsere Stimmen zurück.
(c) text/lhb2008