Please enable the javascript


Schlagworte (Tags) Kunstsysteme, Institutionen,Theorie,Text,


hier veröffentlicht: 18.05.2009:19:02:19 bearbeitet:20.01.2012:11:44:51

rhizome


click thumb - get back

by thon

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Rhizom – Sechs Prinzipien

2. Definition Hypertext

3. Geschichte Hypertext – Korrelationen Rhizom

4. World Wide Web

5. Ausblick

6.Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Das Viele erfordert eine Methode, mit der man es wirklich machen kann; kein typographischer Trick, kein lexikalisches Geschick, weder Wortmischung noch -schöpfung, auch nicht syntaktische Kühnheit können sie ersetzen.

Wollte man die Topologie, in der Gilles Deleuze und Felix Guattari in dem erstmals im Jahr 1976 erschienenen Buch „Rhizom“ (Ebd.) operieren, in wenigen Worten skizzieren, so dürften folgende Begriffspaare keinesfalls fehlen: Konnektivität, Heterogenität, Asignifikanz und „schöpferische Immanenz“ (vgl. Badiou 2003:17). In diesen Schlagworten erschöpft sich das Gedankengut und die Argumentationsstruktur dieser Druckschrift keineswegs, doch sie bieten einen ersten Einstieg in das von den beiden propagierte Leitmodell des »Rhizoms«, das sie den konventionellen, genialogischen Ordnungssystemen in Politik, Wissenschaft und Literatur entgegenstellen. Die von Deleuze und Guattari verwendete Metapher ist aus der Botanik entlehnt und bezeichnet dort ein Sprossachsensystem, das keine Hauptwurzel besitzt und unterirdisch oder dicht unter der Bodenoberfläche wächst. Rhizome dienen dem Transport von Nährstoffen, der Speicherung von Reservestoffen und der vegetativen Vermehrung. Während die älteren Teile allmählich absterben, wachsen Rhizome an den Spitzen kontinuierlich weiter.

Die argumentative Herleitung ihres der Botanik entlehnten Modells, dem sie sowohl einen ontologischen als auch ein systemtheoretischen Status zuweisen (vgl. Seidel 2004), erfolgt zunächst über eine Kategorisierung von Texten. D. und G. unterscheiden zwei Typen von Büchern. Das »Wurzelbuch«: „Das ist das klassische Buch, schöne organische Innerlichkeit, jede Schicht signifikant und subjektiv.“ Es folgt der Logik einer Pfahlwurzel „mit einer vorgängigen Einheit, d.h. einer Hauptwurzel, die die Seitenwurzel trägt“ (Deleuze/Guattari 1977:9) und damit inhaltlich und formal bestimmt. Das Wurzelbuch ist dem klassischen Denken methodisch verhaftet1: „(...) es muss von einer starken, vorgängigen Einheit ausgehen, um zu zwei zu kommen“ - das Wurzelbuch als top-down Struktur, die Biunivoziät bedingt. Im Gegensatz zum Wurzelbuch ist die Hauptwurzel des »Wurzelbüschel-Buchs« (Petersen 2005:233) verkümmert, sodass „eine Vielheit von Nebenwurzeln wild zu wuchern“ (Deleuze/Guattari 1977:9) beginnt. D. und G. formulieren in Bezug auf das im Wurzelbuch undenkbare Nebeneinander von Formen, Inhalten und Bedeutungen jedoch einen Einwand, der dem Wurzelbüschel-Buch eine sowohl uneingeschränkte semiotische als auch semantische Offenheit abspricht. Denn trotz der Verkümmerung der Hauptwurzel, bestehe ihre Einheit als eine vergangene, zukünftige oder als eine möglich fort. Aufbauend auf Deleuzes und Guattaris These „Die Welt ist zwar ein Chaos geworden, doch das Buch bleibt Bild der Welt“ unternimmt Christer Petersen in „Der postmoderne Texteinen Versuch, dieses Fortbestehen der verkümmerten Hauptwurzel zu klassifizieren:

 

Und zwar bleibt eine übergreifende Ordnung einerseits dadurch bestehen, daß der moderne Text stets noch von der Einheit seiner spezifischen Methode [als supplementäre Dimension], Komposition und Sprache getragen wird. Andererseits bewahrt der moderne Text einen elementaren Dualismus, da er, selbst wenn er die Welt jetzt als uneinheitliche und ungeordnete empfindet und auch als eine solche darstellt, sich immer noch mimetisch auf eine prätextuelle Realität bezieht [wenn auch fernab von Dichotomie und Biunivozität]. (Petersen 2005:234)

 

 

Bevor wir nun mit der Abgrenzung des Rhizoms von der Form des Wurzelbüschel-Buchs, die von Deleuze/Guattari jeweils als Stellvertreter für die entsprechenden ontologischen und systemtheoretischen Kategorien eingesetzt werden, ist an dieser Stelle Gelegenheit, einen Ausblick auf die Motivation dieser Arbeit zu geben. Das Rhizom zählt zweifelsohne zu den „inflationär gebrauchten Modebegriffen“ (Maresch k.A:1) der letzten zwei Jahrzehnte. Vor allem in der Hypertexttheorie fand das poststrukturalistische Leitmodell großen Anklang. Auch wenn die Gründe für die schnelle Aufnahme des Rhizom-Modells in zahlreiche wissenschaftliche und populär-wissenschaftliche Publikationen aufgrund seiner textuellen Offenheit und seiner Anti-Genialogie und -Hierarchie offensichtlich erscheinen, lohnt es durchaus, sich eingehender mit der Anwendbarkeit dieses Modells auf Hypertextstrukturen zu beschäftigen, auch unter Berücksichtigung der von den beiden im Jahr 1980 veröffentlichten Buch „Tausend Plateaus“ (Deleuze/Guattari 2005) bearbeiteten Themen der De- und Reterritorialisierung und der Nomadologie. Primäre Zielsetzung dieser Arbeit soll und kann es dabei nicht sein, die von Martin Stingelin in seinem gleichnamigen Text aufgeworfenen Frage „Wie deleuzianisch ist das Internet?“ (Stingelin 2000:15) abschließend zu beantworten, denn angesichts der Weite und Offenheit des Themenkomplex rund um postmoderne Organisationstheorien und deren technische Implementierungen kann die nachfolgende Darstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Vielmehr soll dieser Text dem Zweck dienen, nach einer eingehenden Erläuterung dessen, was D. und G. mit ihrem Modell des Rhizoms nicht nur zu beschreiben, sondern auch methodisch2 zu konstatieren und zu proklamieren suchten, der Frage nachzugehen, aus welchen Gründen der Hypertext und im speziellen das World Wide Web in vielen medientheoretischen Diskussionen als eine Implementierung des Rhizoms diskutiert wird.

1. Rhizom – Sechs Prinzipien

Nachdem D. und G. die transzendenten Formen und die daraus folgenden Determinierungen des Wurzelbuchs und des Wurzelbüschel-Buchs analysiert haben, gehen sie dazu über, ihren Modell-Gedanken des Rhizoms auszuformulieren. Sie konstatieren,

Als unterirdischer Sproß unterscheidet sich ein Rhizom grundsätzlich von großen und kleinen Wurzeln. Knollen und Knötchen sind Rhizome. (...) Das Rhizom selbst kann die verschiedensten Formen annehmen, von der Verästelung und Ausbreitung nach allen Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Knollen und Knötchen (Deleuze/Guattari 1977:11)3

und gehen dazu über einige Merkmale des Rhizoms aufzuzeigen. Ihre Merkmalsliste beginnt mit dem »Prinzip der Konnexion und der Heterogenität«. Im Gegensatz zu Chomsky's4 linguistischen Baum, der an einem Punkt S5 beginnt und sich mit der Aufteilung in „Nominal-Syntagma und Verbal-Syntagma“ (Deleuze/Guattari 1977:12) zur Darstellung der hierarchischen Konstituenten-Struktur von Sätzen dichotomisch ausbreitet, kann und muss jeder Punkt eines Rhizoms miteinander verbunden werden. Was das Rhizom von der transzendenten und zuweisungsgebundenen Idealität der »Chomsky-Hierarchie« unterscheide, sei seine kategoriale und semiotische Offenheit. D. und G. lehnen die Separation von Signifikant und Signifikat ab und betrachten Bezeichnendes und Bezeichnetes machtorganisatorisch als Elemente gleicher Menge. Rhizome folgen keiner binären Logik, sondern setzen sich aus relationalen Strukturen (vgl. Lindemann 2002:216) heterogener Kategorien und Zeichensystemen zusammen6. Kein Element bedingt ein anderes: „Die Dynamik eines Rhizoms lässt sich nicht kalkulieren; sie ist in jeder Hinsicht emergent.“ (Ebd.). D. und G werfen linguistischen Modellen wie dem von Chomsky vor, nicht abstrakt genug zu sein, weil sie nicht die Möglichkeit der „Konnexion einer Sprache mit semantischen und pragmatischen Aussageverkettungen“ (Deleue/Guattari 1977:12) untersucht. Aufgabe der Sprachtheorie ist es nach Chomsky, „einen Katalog linguistischer Universalien“ (Chomsky 1965:53, zitiert nach Schneider 1978:134) zu erstellen. Bei diesen sprachlichen Universalien unterscheidet er zwischen den substantiellen und den formalen Universalien. Dabei umfassen die substantiellen Universalien die phonetischen - also die lautlichen - und die semantischen Formen, die nach Chomsky in jeder Sprach anzutreffen sind. Die formalen Universalien hingegen beinhalten wesentlich die kategorialen Regel- und Strukturordnungen, die in allen Sprachen existent seien wie beispielsweise die Transformationsregeln7, „durch die abstrakte sprachliche Tiefenstrukturen in konkrete sprachliche Oberflächenstrukturen überführt werden“ (Köller 1999:223).

 

Drittes Merkmal des Rhizoms ist das »Prinzip der Vielheit«. Leitsatz dieses Prinzips ist zweifelsohne folgender: „Die Vielheit hat weder Subjekt noch Objekt“ (Deleuze/Guattari 1977:13). Die Vielheit unterscheidet sich von dem Vielen als Substantiv dadurch, dass „(...) es keine Beziehung mehr, zum Einen als Subjekt und Objekt, als Natur und Geist, als Bild und Welt“ (Ebd.) hat. Die Vielheit als Entität der Immanenz ohne „Zentren der Signifikanz und Subjektivierung“ (Ebd. 27) wird allein durch Determinierungen, Größen und Dimensionen bestimmt. Die Zahl dieser Dimensionen erhöht sich je mehr Konnexionen geschaltet werden. Das Kombinationspotential eines Rhizoms wächst mit der Vielheit und reduziert sich durch Subjektivierungsprozesse. Anders als genealogische Organisationsmodelle besteht das Rhizom nicht aus Punkten und Positionen, die – und das ist von entscheidender Bedeutung für die Konzeption des Modells- immer auch die Quantifizierung von Machtverhältnissen ermöglichen8, sondern ausschließlich aus Linien; wohlgemerkt nicht aus Achsen! Denn Achsen besitzen eine Einheit, sind somit quantifizierte Linien. Jegliche Art der Quantifizierung kommt nur durch Subjektivierungsprozesse oder Zentren der Signifikanz zustande und führt zu einer Übercodierung eines Systems in Form einer ergänzenden Dimension. Anders beim anti-hierarchischen Rhizom:

Ein Rhizom und eine Vielheit lassen sich aber nicht übercodieren, sie haben keine supplementäre Dimension, die zur Zahl ihrer Linien hinzutreten könnte, d.h. zur Zahlenvielheit, die mit diesen Linien verbunden ist. (Ebd. 14)

Im Gegensatz zu Systemen mit biunivoken Relationen zwischen den konstituierenden Elementen sind alle Vielheiten „(...) flach, insofern sie alle ihre Dimensionen ausfüllen und besetzen“ (Ebd. 15).

Als viertes Merkmal nennen D. und G. das »Prinzip des asignifikanten Bruchs« und unterstreichen dessen strategische Bedeutung: „gegen die übersignifikanten Einschnitte, die die Strukturen voneinander trennen oder eine davon durchqueren“ (Ebd. 16). Viele der unzähligen Sekundärquellen zum Rhizom erwähnen das Prinzip des asignifikanten Bruchs nur, in dem sie folgende Textstelle zitieren „Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle gebrochen und zerstört werden; es wuchert entlang seinen eigenen oder anderen Linien weiter.“ (Ebd.). Oder sie beschränken sich auf wenige Worte. Uwe Lindemann etwa schreibt: „Ein Bruch im Rhizom hat aufgrund des Prinzips der maximaler Konnexion keine Folgen für die Gesamtstruktur: er ist asignifikant“ (Lindemann 2002:216)9. Mir erscheint diese Auslegung der textlichen Grundlage zu ungenau in Anbetracht der bereits zitierten Einleitung dieses Textabschnittes. Klaus Küber verweist in seiner Arbeit „Deleuzes Rhizom“ (Küber k.A.) darauf, dass für das Verständnis des Textes, die evaluative Ebene (Ebd. 3)10 des Modells von D. und G. nicht außer Acht gelassen werden dürfe. Diese trete immer dann in Erscheinung, „wenn der eher darstellende Text sich in ein politisches Manifest zu transformieren scheint.“ (Ebd. 3). Als Beispiel sei hier nochmals auf die folgende Textstelle hingewiesen:

Zu n, n - 1 schreiben, Schlagworte schreiben: macht Rhizom, nicht Wurzeln, pflanzt nichts an! Sät nicht, stecht! Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten! Macht nie Punkte, sondern Linien! Geschwindigkeit verwandelt den Punkt in eine Linie!(22) Seid schnell, auch im Stillstand!“ (Deleuze/Guattari 1977:41)

 

Auch unabhängig von Mutmaßungen über eine politisch - evaluative Ebene des Rhizom-Modells muss an dieser Stelle der Bergriff der Emergenz in Bezug auf das augenscheinlich nicht nur als erkenntnisleitende Metapher gedachte Leitmodell der beiden Poststrukturalisten diskutiert werden. Sobald das Rhizom als Strukturvorschlag für ein offenes System ohne Subjektivierungsprozesse und transzendeten Signifikanten und nicht mehr nur als ontologisches Beschreibungsmodell angewendet wird, ergibt sich zwangsläufig ein Zentrum der Signifikanz, dennoch lässt sich in einem solchen Fall die Emergenz des Systems nicht auf die Entscheidung des Anwenders/der Anwender für Heterogenität und Immanenz und gegen biunivoke Relationen und genealogische Strukturen reduzieren. Anders als bei hierarchischen Strukturen ist das Subjekt Auslöser und nicht kategorialer Abstammungspunkt; es ist Knotenpunkt zu einem rhizomatischen Außen und somit systemimmanent. D. und G. verweisen, und das ist sowohl für einen deskriptiven als auch einen funktionalen Einsatz ihrer Leitmetapher von Bedeutung, auf die unablässige Verkettung von rhizomatischen und genealogischen Strukturen, von Immanenzebenen und transzendeten Idealitäten, von Asignifikanz und Subjektivierungsprozessen:

Es gibt Baumknoten in Rhizomen und rhizomatische Schübe in Wurzeln. Oder besser: Rhizome haben ihre eigenen despotischen Formationen der Immanenz und Kanalisierung. Im transzendenten System der Bäume gibt es anarchische Deformationen, Luftwurzeln und unterirdische Stengel. (Deleuze/Guattari 1977:33)

 

Diese transvergenten Verkettungen „mit variablen Deterritorialisierungskoeffizienten“ (Ebd. 25) lassen sich auf die dynamische Konstitution von Rhizomen zurückführen. Sie bestehen nicht nur aus Segmentierungslinien, „nach denen es (...) es geschichtet, territorialisiert, organisiert, bezeichnet, zugeordnet (...)“ (Ebd. 16) ist, sondern zudem aus Deterritorialisierungslinien, „auf denen es unaufhaltsam flieht“ (Ebd.), also wächst. Ein Rhizom ist dynamisch, wandelt unablässig seine Gestalt; Deterritorialisierungsprozesse stoßen auf Reterritorialisierungsbewegungen.

Denn das Rhizom ist - dem »Prinzip der Kartographie und der Dekalkomonie«11 (5. und 6. Prinzip) folgend, anders als genealogische Organisationsstrukturen, keinem „strukturalen oder generativen Modell“ (Ebd. 20) untergeordnet. Es besitzt keine genetische Achse. Somit ist es nicht möglich, seine Konstituenten zu quantifizieren. Die Vielheiten eines Rhizoms werden nicht durch ihre Abstammung, sondern durch ihr Außen definiert: „durch die abstrakte Linie, die Flucht- oder Deterritorialisierungslinie, auf der sie sich verändern, indem sie sich miteinander verbinden“ (Ebd. 15). Das Außen aller dieser Vielheiten bezeichnen Deleuze/Guattari als »Konsistenzplan« (Ebd.). Die Zahl der Dimensionen eines Konsistenzplans erhöht sich mit der Anzahl der Verbindungen, „die sich auf ihm herstellen“ (Ebd.). Der Transzendenzebene eines Baummodells mit zentraler, zielgebender Instanz wird der Konsistenzplan als Immanenzebene des Rhizoms gegenübergestellt (vgl. Petersen 2003:111). Die Immanenzebene ist frei von Tiefenstrukturen und damit von wertenden Hierarchien, so konstituieren sich Inhalts- und Ausdrucksformen als verschiedene Dimensionen des Rhizoms auf derselben Ebene (vgl. Ott 2005:113f) – dem allumfassenden Konsistenzplan des Rhizoms:

Es ist möglich und notwendig, alles diese Vielheiten auf ein und demselben Konsistenz- und Äußerlichkeitsplan flachzudrücken, welche Dimension sie auch immer haben mögen (Deleuze/Guattari 19977:15). Die Konsistenzebene weiß nichts von Niveauunterschieden, von Größenordnungen oder Abständen. [...]. Sie weiß nichts von der Unterscheidung zwischen Inhalten und Ausdrücken oder zwischen Formen und geformten Substanzen; all das existiert nur durch und in Beziehung zu den Schichten. (Deleuze/Guattari 2005:98)

 

Tiefenstrukturen und genetische Achsen sind, so argumentieren D. und G., Prinzipien von Kopien und somit reproduzierbar. Die binäre Logik eines baumartigen, zentralistischen Leitmodells sei also eine Logik der Kopie und der Reproduktion (vgl. Ebd. 20) und damit der Festlegung. Die Kopie, als Instanz eines status quo, beschränkt sich darauf, „von einer überkodierenden Struktur oder stützenden Achse aus zu kopieren“ (Ebd. 21). Ein Rhizom besitzt keine supplementäre Strukturen und stützende Achsen, es fertigt keine „Strukturkopien“ (Jur 2003:4) an. Aufgrund dessen vergleichen D. und G. Rhizome mit Karten. Karten seien dynamisch und flexibel: „Die Karte ist offen, sie kann in all ihren Dimensionen verbunden, demontiert und umgekehrt werden, sie ist ständig modifizierbar“ (Ebd.), ohne zu quantifizieren.

Anhand dieser sechs Prinzipien soll im Folgenden der Frage nachgegangen werden, inwieweit tatsächlich, wie es in vielen Publikationen zum Thema Hypertext proklamiert wird, Korrelationen zwischen Deleuzes und Guattaris Rhizom als poststrukturalistischem Leitmodell und dem Hypertext als postmoderner Text- bzw. Organisationsform bestehen.

2. Definition Hypertext

Mit dem Begriff »Hypertext« wird eine nicht-sequentielle, interaktive Strukturierungs- und Präsentationsform textbezogener, aber auch multimedialer12 Daten bezeichnet. Die fast ausschließlich computerbasierten Hypertexte zeichnen sich gegenüber Fließtexten durch Querverweise (»Links«) zu anderen Dokumenten oder Informationseinheiten (»Knoten«) aus (»Verweis-Knoten-Konzept«), sie sind „dynamisierbar“ (vgl. Porombka 2001:106). Rainer Kuhlen, Professor für Informationswissenschaft im Fachbereich Informatik und Informationswissenschaft an der Universität Konstanz, fasst die Architektur von Hypertext-Systemen folgendermaßen zusammen:

Die besteht aus der Hypertextbasis (zuweilen auch Hypxertext genannt), in dem der einschlägige Objektbereich über informationelle Einheiten und deren Verknüpfungen dargestellt wird, dem Hypertext-Management-System, das die Hypertextbasis verwaltet, sowie der Autoren-/Analysekomponente als Werkzeug zur Erstellung einer Hypertextbasis und der Navigations-/Suchkomponente als Mittel zur Navigation und Suche in der Hypertextbasis. (Kuhlen 1991:12, Hervorhebungen durch den Autor)

Aus dieser vernetzten Architektur ergibt sich sowohl eine neue Form des Schreibens als auch des Lesens, der „Text soll (...) seinen Status als Objekt verlieren“ (Porombka 2001:109). Hypertexte sind „leserorientiert statt autorzentriert“ (Möckel-Rieke 1996:70). Sie bieten die Möglichkeit, die konstitutiven „informationellen Einheiten“ (vgl. Kuhlen 1991:13) über Verlinkungen zu manipulieren. Kuhlen bezieht sich dabei auf eine Form der Manipulation, die dadurch erfolgt, „daß die Hypertexteinheiten vom Benutzer leicht in neue Kontexte gestellt werden, die sie selber dadurch erzeugen, daß sie ihnen passend erscheinenden Verknüpfungsangeboten nachgehen“ (Ebd.). Dabei bleiben die Informationseinheit zumeist unverändert13. Dieses „Navigieren“ (Nielsen 1996:2) durch Hypertext-Netze stellt ungleich höhere Anforderungen an den Leser als das Lesen eines durch einen Autor strukturierten, linearen Text, weil in Hypertexten die Kohärenz grundlegend durch die Rezeptionsfähigkeit des Lesers bedingt wird (vgl. Ebd. 27ff).

Das derzeit umfangreichste und meist genutzte Hypermedia-Informationssystem ist das »World Wide Web«.

3. Geschichte Hypertext – Korrelationen Rhizom

Deleuzes und Guattaris „Rhizom“ ist zu einem Zeitpunkt erschienen, als die Möglichkeit der elektronischen Aufbereitung von Informationen zur besseren Zugänglichkeit bereits heftig diskutiert wurde. Schon im Jahr 1945 stellte Vannevar Bush14 in seinem Artikel „As We May Think(Bush 1945) ein Konzept vor, das, auch wenn es nie technisch implementiert wurde, im wesentlichen Züge der Entwicklung von Personal Computern und Hypertext-Systemen vorwegnahm. Aufbauend auf der Kritik an den inädequaten Aufzeichnungstechniken zur Informationsverwaltung seiner Zeit:

The investigator is staggered by the findings and conclusions of thousands of other workers—conclusions which he cannot find time to grasp, much less to remember, as they appear. [...] Professionally our methods of transmitting and reviewing the results of research are generations old and by now are totally inadequate for their purpose. (Ebd.)

entwickelte er einen Entwurf für ein elektromechanisches Informationssystem, das er »Memex«15 (Abk. für: Memory Extender, dt.: Gedächtniserweiterer) nennt16. Memex ist als Benutzerschreibtisch konzipiert, als ein analoger Desktop mit zwei berührungssensitiven Bildschirmen, mit Mikrofilm-Kameras und -Vorführeinrichtungen, mit einer Tastatur, mit Knöpfen und Hebeln. Mit diesen Hebeln sollte es möglich sein, zwischen den auf Mikrofilm abgebildeten17 und auf den beiden Bildschirmen projizierten Dokumenten vor- und zurückzublättern. Zudem sollte das System über einen analogen Scanner18 verfügen, über den man sowohl neues Text- und Bildmaterial, als auch Kommentare und Randbemerkungen zu bereits Vorhandenem in den Speicher einpflegen könnte.

Bush verweist in „As we may think“ darauf, dass die (seinerzeits) verwendeten Indizierungssysteme immer auf einer alphabetischen oder numerischen Ordnung basieren. Diese hierarchische Methodik aber entspräche nicht der des menschlichen Verstandes, der vielmehr mit Hilfe von Assoziationen arbeite: „(...) it snaps instantly to the next that is suggested by the association of thougths, in accordance with some intricate web of trails carried by the cells of the brain“ (Ebd.).

Bushs Entwurf sollte, um diesem Ansatz gerecht zu werden, als ädequates Speichermedium in Form eines elektro-mechanischem Archivs für den Privatgebrauch („a future device for individual use“) den Zugang zu Informationen, sowie deren Verwaltung erleichtern und „das Verhältnis zwischen Text und Leser grundsätzlich revolutionieren“ (Porombka 2001:31), indem es diesem erlaubt, nicht auf alphabetische und numerische Indexierungen in Form von top-down Strukturen und den damit verbundenen, immensen Nachteilen

Wer Daten innerhalb solcher Indexierungen sucht, muss von Unterklasse zu Unterklasse, von Ast zu Ast hinabsteigen, um fündig zu werden. Ist man aber fündig geworden, so muss man, um etwas Neues zu finden, wieder die Äste und Klassen hinauf und von neuem hinab und wieder hinauf (...). In solchen Speichern kann man jede Information nur an einer Stelle finden, oder man muss die aufwendig duplizieren und an einem weiteren Ort hinterlegen (...). (Ebd.)zurückgreifen zu müssen. Memex bietet den Anwendern die Möglichkeit der assoziativen Indexierung19. Auf den beiden Bildschirmen der Memex können zwei Dokumente aufgerufen werden, die der User dann miteinander verbinden kann. Das geschieht wie folgt: Zunächst muss der Anwender einen Namen in das System einpflegen und diesen mit einem Code versehen. Anschließend werden beide der aufgerufenen Dokumente mit diesem Code verknüpft. Ruft man später eines der beiden Dokumente auf, so besteht automatisch auch eine Verbindung zu dem anderen, sodass es ebenfalls, „by tapping a button below the corresponding code space“ (Ebd.), aufgerufen werden kann (»Main-Trails«). Der Nutzer verfügt neben der Möglichkeit, Main-Trails zu erzeugen, über die Möglichkeit, von den Main-Trails »Side-Trails20« abgehen zulassen oder »Skip-Trails21« zu konfigurieren, in denen »Highlights« verknüpft werden. Bush vergleicht das Ergebnis dieser Verlinkung von Inhalten durch den Nutzer mit einem wieder und wieder neu gebundenen Buch, das aus vielen unterschiedlichen Quellen zusammengestellt ist, die zuvor schon in anderen Büchern enthalten waren (vgl. Porombka 2001:33). Seine Vision war, dass „wholly new forms of encyclopedias will appear, ready to be dropped into the Memex and there amplified“ (Ebd.). Jakob Nielsen verweist darauf, dass es für Bush darüber hinaus von Bedeutung gewesen sei, dass die Nutzer ihre Archive untereinander verlinken können: „Von seinen Mikrofilmideen ausgehend, nahm Bush an, dass solch ein Besitzer gerne einen Pfad für seine Freunde zur Einführung in deren Memexe fotografieren möchte“ (Nielsen 1996:36).

Fasziniert von Bushs Idee der Memex startete der US-Amerikanische Computertechniker Douglas C. Engelbart, den Porombka als „Anführer der Hypertext-Avantgarde in der Nachfolge von Bush“ vorstellt (Porombka 2001:50), im Jahr 1963 am ACR, dem Augmentation Research Center am Stanford Research Center, sein »AUGMENT-Projekt« (vgl. Engelbart 1962), das zum Ziel hatte,

(...) die Berührungsflächen zwischen Mensch und Maschine [zu] verbessern (...) und den menschlichen Intellekt auf maschinelle Weise derart [zu] unterstützen, daß sich die Menschheit in einer immer bedrohlicheren Welt behaupten kann. (Ebd. 50)

 

Ein wichtiges Schlagwort für Engelbarts Forschung war die Synergetik. So habe Engelbart die menschliche Intelligenz als „synergetisch strukturiertes Regelwerk“ (Porombka 2001: 54) begriffen22, das man mithilfe von computergestützen Werkzeugen optimal ergänzen könne, um der wachsenden Komplexität aller Lebensbereiche in der Gesellschaft angemessen begegnen zu können. Dem Rechnung tragend und „to turn serious attention toward the possibility of evolving a dynamic discipline that can treat the problem of improving intellectual effectiveness in a total sense“ (Engelbart 1962) war Engelbart an der Entwicklung eines »General Framework « (vgl. Porombka 2001:56) interessiert, das mithilfe neuer Technologienwould allow ideas and knowledge to grow and advance, efficiently, serving as a mechanism to pool a society’s collective intelligence“ (Logitech 2008:3). Die Ergebnisse seiner Forschung zur Mensch-Maschinen-Interaktion umfassen nicht nur die Computermaus, die Erfindung und Umsetzung der Mehrfensterpräsentation für Bildschirme (in Tradition von Bushs zwei „translucent screens“ (Bush 1945)), die Implementierung von computergestützten Gruppenkonferenzen und die Entwicklung von Word-Processing Programmen, sondern auch die Implementierung von, wenn auch in Inhaltsbäumen hierarchisch verwalteten, hypertextartigen Strukturen und editing tools23.

Der Begriff »Hypertext« selbst wurde im Jahr 1965 von dem amerikanischen Soziologen und Philosophen Theodor Holm (»Ted«) Nelson geprägt. Auch wenn dieser von Engelbarts Forschungsergebnissen durchaus begeistert war, so griff ihm dessen AUGMENT-System in einigen Punkten zu kurz. Die Möglichkeit des Zugriffs auf einzelne Dokumente sei noch nicht zufriedenstellend, zudem sei die Bedienungssprache des Systems zu komplex. Er sah Bushs Vision einer assoziativen Indexierung unzureichend umgesetzt und es fehlte ihm die technische Unterstützung kreativer Prozesse: „I suspect it would not be satisfactory, say, for philosophers and novelists“ (Nelson 1973:440, zitiert nach Porombka 2001:69). Nelson sah sich in der Nachfolge Vannervar Bushs und setzte ich zum Ziel, dessen Memex unter dem programmistischen Projektnamen »Xanadu«24 weiterzuentwickeln und den technischen Möglichkeiten seiner Zeit anzupassen: „As the technological base has changed, we must recast his thesis slightly“ (Ebd. 439). Bis heute ist es nicht zu einer funktionfähigen Implementierung von Ted Nelsons im Jahr 1960 initiierten Projekt gekommen, die über einen Prototypen-Status für eine Software hinaus geht. Dennoch sind hier wegen der enormen geschichtlichen Relevanz, auch für die Entwicklung des WWW25 einige Grundgedanken dieses Projekts aufzuführen. Nelson konzipierte Xanadu als »Docuverse«, ein globales, dezentrales und einfach zu bedienendes Speicher-/Informationssystem aus untereinander vernetzten Hypertext-Dokumenten. Jeder Informationseinheit innerhalb des Hxpertext-Systems aus Host-Rechnern sollte eine permanente Identifikationsummer (unabhängig vom Speicherort) zugewiesen werden, anhand derer der Autor identifiziert werden könne. Darüberhinaus sollte es möglich sein, auch jedem Zeichen einer Informationseinheit eine eindeutige Adresse zuzuweisen. Im Gegensatz zu dem im Web gebräuchlichen „Copy&Paste“, um von Informationsquellen auf andere Quellen bzw. Informationseinheiten zu verweisen, basierte Nelsons Entwurf auf dem Prinzip der bidirektionalen Verlinkung und der »Transklusion«:

Die Einbettung oder "transclusion"/"shared content" zitiert Text eines Dokumentes in einem anderen, indem das zitierende Dokument einen zusätzlichen Zeiger auf das entsprechende Textstück enthält. Das zitierte Textstück lässt sich dabei zum Ursprung zurückverfolgen und in seinem originalen Kontext betrachten. (Wiki Freie Universität Berlin 2006)

 

Anders als im WWW können Dokumente in Nelsons System nicht gelöscht werden, d.h. »content links« sind durch die permanenten Identifikationsnummern der Informationseinheiten im System immer gültig, es gibt keine toten oder veralteten Links. Werden Dokumente verändert oder aktualisiert, ist jeder Zwischenstand der Dokumente einzeln adressierbar und der Unterschied zwischen den verschiedenen Versionen wird kenntlich gemacht.

Nelsons Xanadu richtete sich, wie auch Bushs Memex und Engelbarts AUGMENT-Projekt „gegen die medialen Beschränkungen der Gutenberg-Kultur“ (Sterz 2005). Für die Diskussion möglicher Korrelationen zwischen Deleuze und Guattaris Rhizom und den drei aufgeführten, frühen Formen von Hypertext-Systemen reicht es jedoch nicht aus, sich auf die Kritik an medialen Restriktionen zu beschränken. Allen drei Konzepten, wie auch dem Rhizom, ist gleich, dass sie eine maximale Konnexion der sie konstituierenden Elemente fordern. Während für Bush und Nelson diese Verknüpfungen hierarchielos erfolgen sollten, basiert bei Engelbart die Darstellung der im System enthaltenen Dokumente über Inhaltsbäume, auf die jedoch verschiedentlich zugegriffen werden kann. Diese differierenden Strukturierungsformen lassen sich vor dem Hintergrund der den Konzepten zugrundeliegenden Vorstellungen vom Ablauf des menschlichen Denkens erklären. Wie D. und G. begreifen auch Bush und Nelson den menschlichen Geist als ein flexibles Netzwerk, das auf Assoziationen und inhaltlichen Verpflechtungen basiert, nicht aber auf hierarchischen Kategorisierungen wie bei Engelbart:

When data of any sort are placed in storage, they are filed alphabetically or numerically, and information is found (when it is) by tracing it down from subclass to subclass. It can be in only one place, unless duplicates are used; one has to have rules as to which path will locate it, and the rules are cumbersome. Having found one item, moreover, one has to emerge from the system and re-enter on a new path.The human mind does not work that way. It operates by association. With one item in its grasp, it snaps instantly to the next that is suggested by the association of thoughts, in accordance with some intricate web of trails carried by the cells of the brain. (Bush 1945)

 

Im Gegensatz zu D. und G., für die das Rhizom auch eine ontologische Kategorie bildet, beschränken sich Bush und Nelson auf einen systemtheoretischen Status, indem sie ihre Modelle einer netzbasierten Vorstellung vom Vorgang des Denkens nachempfinden. Auch wenn Nelson in seinen Ausführungen ebenfalls wirtschaftliche, machtpolitische und juristische Fragen aufwirft, indem er neben einem einheitlichen Bezahlsystem, dem »micropayment«, auch ein vereinfachtes Copyright-System, das »transcopyright« (kurze Übericht: Wiki Freie Universität Berlin),in sein Konzept integriert. So bleibt der Impetus seines Modells der, sowohl die mediale Verbreitung und Speicherung von Wissen , als auch den Zugang zu Informationen zu revolutionieren.

4. World Wide Web

Verfolgt man die Entwicklung des »World Wide Web« als das zurzeit am häufigsten verwendete Hypertext-System, so lässt sich jedoch feststellen, das sich eben auch aus einem zunächst engumgrenzten technischen Konzept ein allumfassendes, gesellschaftlich und machtpolitisch relevantes System entwickeln kann. Wegen seiner systemischen Offenheit wird das Rhizom mit wachsender Beliebtheit als Beschreibungsmodell für eben dieses technisch hochentwickelte und morphologisch überaus vielfältige, mulitlineare bzw- non-lineare »WWW« eingesetzt. Anknüpfungspunkte sind hier Übereinstimmungen in sowohl zeitlichen als auch topologischen Strukturmustern. Das WWW als Hypertext-System mit Client/Server-Architektur erfüllt in vielen Punkten die für Rhizome geltenden Prinzipien, genannt seien hier vor allem die Möglichkeit der Konnexion - zum Einen auf der physischen Ebene durch die Vernetzung vieler verschiedener Computer auf der ganzen Welt, zum Anderen auf der immateriellen Ebene des Codes durch »Hyperlinks« und die Möglichkeit der Heterogenität. Denn sowohl auf inhaltlicher Ebene (verschiedene Fachbereiche, intellektuelle Qualitäten etc.), als auch auf formaler Ebene (verschiedene Medien, Geschwindigkeiten etc.) bietet das Web seinen Nutzern durch die Auszeichnungssprache »HTML« (Hypertext Markup Language) vielfältige Verfahrensweisen.

An diesem Punkt drängt sich nun die Frage danach auf, inwieweit das Web mit der dezentralen Struktur des Rhizoms übereinstimmt. Hyun-Joo Yoo stellt wie viele Theoretiker, die sich mit dem Themenbereich Hypertext befassen, folgende These auf:

Die durch Links verbundenen Seiten beweisen daher als einzelne theoretisch kein besonderes Primat vor den anderen, sie werden auf der Oberfläche gleich behandelt, unabhängig von ihren „inhaltlichen“ oder „sozialen“ Werten. (Yoo 2007:112)

 

Zur Begründung führt Sie ein fragliches Beispiel auf. Sie konstatiert, diese Gleichstellung sei am besten daran zu erkennen, „wie uns die Selektion der Suchmaschine die unterschiedlichsten Informationen aus verschiedenen Quellen auf einer horizontalen Ebene liefert“ (Ebd.). Ungeachtet der Tatsache, dass bei eben diesen Suchmaschinen die angezeigten Einträge u.a. nach dem »Gesetz der Aufmerksamkeitsökonomie«26 gelistet werden, der Nutzer also vielmehr auf eine hierarchische Struktur als auf eine horizontale Ebene trifft, fährt sie damit fort, die durchaus zutreffenden Vorzüge dieser vermeindlich hierarchielosen Struktur zu unterstreichen: „Bei dieser transversalen Struktur können die Minderheiten einen Weg finden, eine horizontal vernetzte, ortsunabhängige Organisation zu etablieren“ (Yoo 2007:112). Diese allzu enthusiastische Äußerung revidiert Yoo im Laufe ihrer Argumentation und ruft trotz struktureller Übereinstimmungen von Rhizom-Modell und WWW zur Achtsamkeit auf:

Dafür muss man zuerst klären, ob der Hypertext und die daraus entstandenen Netzwerke wirkliche Mannigfaltigkeiten sind, die nicht nur eine strukturelle Ähnlichkeit, sondern auch alternative Facetten haben. Damit verknüpft sich die Fragestellung, ob sie nicht im Gegenteil eher die Pseudo-Mannigfaltigkeiten von Bäumen aufweisen, die im Vergleich mit dem echten Rhizom-Modell enthüllt würden. (Ebd. 118)

 

Viele Parallelen zwischen dem WWW und dem Rhizom liegen auf der Hand. Betrachtet man die Rollen des Leser bzw. Users, so kommt der Vorgang des Navigierens durch das Informationsnetz der Forderung Deleuzes und Guattaris „nehmt euch, was ihr wollt“ und „findet die Stellen in einem Buch, mit denen ihr etwas anfangen könnt“ (Deleuze/Guattari 1977:40) sehr nahe. Denn im Web, so könnte man mit Deleuzes und Guattaris Worten argumentieren, „vermählt sich [die Schrift] einer Kriegsmaschine und Fluchtlinien; sie lässt Schichten und Segmentierungen, Seßhaftigkeit und Staatsaparat hinter sich zurück“ (Ebd. 38); der Autor entwickelt ein „Werkzeug für das Außen“ (Ebd. 40), eine Schnittstelle von Segmentierungs- aber auch Deterritorialisierungslinien.

Im Folgenden könnte aufgrund der zahlreichen Parallelen ein seitenfüllender Struktur-Vergleich der beiden Modelle angefangen von der Entwicklung des »Arpanets27« mit der Idee einer dezentralen Speicherung politisch relevanter Daten für den Fall eines »asignifikanten Bruchs« bis hin zu neuesten Software-Entwicklungen für das WWW erfolgen. Im Zuge dessen könnte zur Diskussion stehen, inwieweit die Auszeichnungssprache HTML die Karte bzw. Immanenzebene des World Wide Web ist, inwieweit die im Web dominierenden unidirektionalen Links der von D. und G. geforderten maximalen Konnexion entgegenstehen und inwieweit Google die transzendente Idealität des WWW ist.

Doch lässt man den rein strukturellen Vergleich hinter sich, drängt sich eine gesellschaftspolitische Frage auf, deren Beantwortung eine Auseinandersetzung mit politischen und wirtschaftlichen Kräfteverhältnissen im WWW impliziert. Wie bereits erwähnt, bergen Rhizome immer auch Zentralisierungs- und Subjektivierungsvorgänge in sich. Um diesen entgegenzuwirken verfügen sie über Deterritorialisierungslinien. Bei ihrer vergleichenden Analyse von Deleuzes und Guattaris Rhizom-Modell und dem World Wide Web stellt Yoo daher folgerichtig die nachstehende Frage:

Enthalten die „azentrische“ Internetstruktur und die „rhizomatische“ Hypertextstruktur wirklich jene emanzipatorischen Aspekte, die Deleuze und Guattari ursprünglich mit dem Rhizom-Modell verbunden haben? (Yoo 2005:112)

 

Fest steht, dass die technischen Implementierungen des WWW auch Minderheiten, gesellschaftlich Ausgegrenzten und Kranken ein Forum bieten können, sich mitzuteilen. Durch den Zugang zum Netz können Kommunikationsbarrieren gebrochen werden, der Zugriff auf Wissen wird in vielen Bereichen erleichtert. Doch das WWW ist eben genauso wie Rhizome keineswegs frei von Hierarchisierungen. Es stellt sich sodann die Frage, mit welchen Gegenmaßnahmen das WWW bzw. der User im Falle regulativer Maßnahmen und Zentralisierungsprozesse aufwarten kann, inwieweit es also über Deterritorialisierungslinien verfügt und somit Möglichkeiten zur Etablierung von nomadischen, glatten, nicht-stratifizierten also azentrischen und asignifikanten Räumen (vgl. Deleuze/Guattari 2005:481ff) oder »Temporären Autonomen Zonen« 28 bietet. Gefragt werden muss also nach dem nomadischen Potential des World Wide Web, nach möglichen Gegenmaßnahmen bei staatlichen Reglementierungen und wirtschaftlichen Machtinteressen, danach, ob das WWW als Hypertext-System eine Plattform bietet für jenen politischen Widerstand, der über das reine Publizieren von Protestschreiben und Demonstrationsaufrufen hinausgeht.

Diese Fragen können im Rahmen dieses kurzen Textes nicht abschließend beantwortet werden. Vielmehr gilt es im letzten Abschnitt, das argumentative Feld für eine weitergehende Beschäftigung mit diesem Themenbereich abzustecken.

5. Ausblick

Das Rhizom bedingt durch seine strukturelle Offenheit zunächst eine Anwendbarkeit auf jegliche Art von ansatzweise heterogenen, dezentralen und hierarchielosen Netzen, seien sie nun technischer, künstlerischer oder sozialer Natur. Vom World Wide Web und anderen Hypertext-Systemen als einer Implementierung des Rhizom-Modells zu sprechen scheint daher nahe liegend und zulässig. Ebenso wie Rhizome unterliegt das WWW einer ständigen Modifizierung, die anders als in baumartigen, hierarchischen Strukturen an verschiedenen Stellen simultan abläuft. So gilt bezüglich der Morphe des WWW: „Tatsächlich gibt es weder einen Ursprung noch eine bestimmte Bewegungsrichtung, so daß von der aristotelischen Dreiheit Anfang-Mitte-Ende nur noch die Mitte bleibt“ (Beressem 1996:111). Die folgende Textstelle aus „Tausend Plateaus“, wenn sie sich auch auf die Ausführungen von Professor Challenger, einem fiktiven Charakter aus den Science Fiction Romanen von Sir Arthur Conan Doyle bezieht, der den Zustand unserer Erde nach dem Urknall zu erklären suchte, beschreibt die Gangart des weltweiten Netzes passend und bietet neben dem zuvor Aufgeführten eine gute Grundlage für die Hinwendung zu dem Themenblock rund um Territorialisierungen, Deterritorialisierungen und Reterritorialisierungen, also zu der Möglichkeit im WWW gekerbte, also territorialisierte aber auch glatte, d.h. deterritorialisierte Räume zu erzeugen:

Dieser organlose Körper wird von unbeständigen und ungeformten Materien durchquert, von Strömungen in allen Richtungen, von freien Intensitäten oder nomadisierenden Singularitäten, von verrückten oder transitorischen Partikeln. (Deleuze/Guattari 2005:60)

 

Sogleich setzten auf der Erde ebenso wie auch später im WWW, das seit seiner Implementierung natürlich keineswegs frei war von Machtinteressen, Stratifizierungsvorgänge ein, die quantifizierten und Zuordnungen trafen. Ob es sinnvoll ist, die Nutzer, gemeint sind hiermit sowohl die Produzenten, als auch die Rezipienten des WWW in verschiedene Lager aufzuteilen, je nachdem welcher technischen Mittel sie sich bedienen und welche Intention sie verfolgen, ist fraglich. Fest steht, dass das World Wide Web lange nicht so demokratisch und dezentralistisch organisiert ist, wie es erscheint.

WWW ist Kommerz, WWW ist Politik. So folgen Suchergebnisse von online Suchmaschinen, die »Natural Listings«, nicht ausschließlich dem »Gesetz der Aufmerksamkeitsökonomie«. Das Ranking der Websites ergibt sich vielmehr aus verschiedenen Faktoren. Diese werden abhängig von der genutzten Suchmaschine unterschiedlich ausgewertet. Aus dem wirtschaftlichen Bestreben heraus, bei Suchanfragen besonders weit vorne gelistet zu werden29, hat sich eine von zahlreichen Dienstleistungen rund ums WWW entwickelt: die »Search Engine Optimization« (SEO, dt.: Suchmaschinenoptimierung). So ist das World Wide Web eben vor allem ein potentielles Wirtschaftsnetz.

Wirtschaftliche Interessen stratifizieren den diskursiven Raum des WWW. Regulative Maßnahmen, ganz gleich welcher Intention sie folgen, begünstigen die Ausbildung einer zentralistischen, zumindest aber einer poly-zentristischen Netzstruktur. Das nomadische Wachstum, sei es von Wissen oder von emanzipatorischen Potential, wird aufgrund der zusehends starrer werdenden Struktur „durch eine Reduktion der Kombinationsgesetze kompensiert“ (Deleuze/Guattari 1977:10). Trotz dieser wachsenden topologischen Beschränkungen durch »SEO«, »Zoning«30, »Geolocation«31 und durch Zentralisierungsprozesse, als Beispiel sei hier die Vorratsdatenspeicherung genannt, birgt das WWW auch Möglichkeiten für neue Formen des sozialen und politischen Widerstands. Es kann als wirkungsmächtige Kriegsmaschine im Sinne von D. und G. (vgl. 2005:481ff) eingesetzt werden:

Während der Staat das Prinzip der Sesshaftigkeit verkörpert und darauf bedacht ist, sein Territorium ein- und abzugrenzen, um es, wie es in Mille Plateaux heißt, einzukerben (»strier«), verkörpert die Kriegsmaschine das gegenläufige Prinzip. Sie ist eine reine unermessliche Mannigfaltigkeit, die das Ephemere und den Wandel repräsentiert und alle Dinge in Beziehungen des Werdens (»devenir«) sieht. Sie kann das gekerbte Territorium des Staates wieder in einen glatten, nicht-stratifizierten Raum (»espace lisse, non-stratifie«) verwandeln: in einen Raum reiner Immanenz und Potentialität. (Lindemann 2002:217, Hervorhebungen durch den Autoren)

 

Das zeigt sich an vielen Beispielen aus dem Bereich des Netzaktivismus. Genannt seien hier „rhizomatische Schübe“ (Deleuze/Guattari 1977:33) wie u.a. »virtual sit-ins« (virtuelle Sitzblockaden), die zum Ziel haben, »communication breakdowns « auf den Servern von Wirtschaftsunternehmen zu erzeugen, aber auch die Implementierung von freier, nicht kommerzieller Softwareprodukte: „Freie Software ist eine politische Aktion, die das Prinzip der Freiheit über alles andere stellt“ (Stallman 1999), die die Möglichkeit bieten, sich der Vorherrschaft von Global Playern wie Microsoft oder Adobe und damit dem Diktat des Gewinns entziehen zu können.

Emanzipatorisches Potenzial ist dem World Wide Web zweifelsohne immanent und der Vergleich mit dem Rhizom-Modell von D. und G. greift. Das WWW macht mit der Welt Maschine, es wird durch sein Außen definiert und dient diesem Außen als Werkzeug (vgl. Deleuze/Guattari 1977:40). Rhizomen sind Baumstrukturen inhärent und auch das WWW wird durch wirtschaftliche und politische Interessen hierarchisiert, segmentiert und geordnet. Dennoch gleicht es in weiten Teilen einem dezentralen und nicht signifikanten System mit vielen Eingängen und „ohne organisierendes Gedächtnis und Zentralautomat“ (Deleuze/Guattari 1977:35).

6. Literaturverzeichnis

Beressem, Hanjo.

(1996) Unterwegs im Docuversum. Zur Topologie des Hypertext. In: Klepper, M./ Mayer, R./ Schneck, E. (Hrsg.). Hyperkultur. Zur Fiktion des Computerzeitalters. De Gruyter. Berlin etc. 1996: S. 108-129.

Bey, Hakim.

(2003) T.A.Z. The Temporary Autonomous Zone, Ontological Anarchy, Poetic Terrorism. Autonomedia 2003.

Bush, Vannevar.

 

(1945) As We May Think. In: Atlantic Monthly , Ausgabe 176, 1945: S.101-108. Online-Version: http://www.theatlantic.com/doc/194507/bush/4 (29.03.2009).

Chomsky, Noam.

(1969) Aspekte der Syntax-Theorie. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1969.

Critical Art Ensemble.

(1997) Elektronischer Ziviler Ungehorsam. In: nettime (Hrsg.). Netzkritik. Materialien zur Internet-Debatte. Berlin: Edition ID-Archiv 1997: S. 37-47.

Deleuze, Gilles/Guattari Felix.

(2005) Tausend Plateaus. Merve Verlag Berlin 2005.

(1977) Rhizom. Merve Verlag Berlin 1977.

Engelbart, Douglas. C.

(1962) Augmenting human intellect. A conceptual framework. http://www.dougengelbart.org/pubs/augment-3906.html (28.03.2009).

(1963) A conceptual Framework for Augmentation of Man's Intellect. In: P.W. Howerton/ D.C. Weeks (Hrsg.). Vistas in Information Handling: I. The Augmentation of Man's Intellect by Machine. Washington, DC. 1963: S. 1-29.

Engelbart Douglas C./ Norton, James C./ Watson, Richard W.

(1973) The Augmented Knowledge Workshop. http://www.bootstrap.org/augdocs/augment-14724.htm (28.03.2009).

Jungen, Oliver/ Lohnstein, Horst.

(2007) Geschichte der Grammatiktheorie. Von Dionysius Thrax bis Noam Chomsky. Verlag Wilhelm Fink Paderborn 2007.

Jur, Andreas.

(2003) Rhizomorphe Prozesse im Internet - New Aeon City. Grin Verlag 2003.

 

 

 

 

Köller, Wilhelm.

(1999) Philosophie der Grammatik. Vom Sinn grammatischen Wissens. Metzler Stuttgart 1999.

Kuhlen. Rainer.

(1991) Hypertext. Ein nicht-lineares Medium zwischen Buch und Wissensbank. Springer Velag Berlin 1991.

Lindemann, Uwe.

(2002) Das Ende der jüngeren Steinzeit. Zum nomadischen Raum-, Macht- und Wissensbegriff in der neueren Kultur- und Medientheorie. In: Maresch, R./ Weber, N. (Hrsg.). Raum Wissen Macht. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2002: S. 214-234.

Logitech.

(2008) Douglas C. Engelbart. A Profile of His Work and Vision: Past, Present and Future. http://www.sri.com/news/storykits/documents/EnglebartBackgrounder12-08FINAL.pdf (28.03.2009).

Loik, Daniel.

(2000) Eine eigene Geschichte aus reiner Gegenwart sammelt und stapelt sich von selbst herum um mich. Zur Kritik an Gilles Deleuzes Mord am Subjekt. In: Chlada, M. (Hrsg.). Das Universum des Gilles Deleuze. Eine Einführung. Alibri Aschaffenburg 2000.

Lüber, Klaus.

(k.A.) DeleuzesDeleuzes Rhizom. http://waste.informatik.hu-berlin.de/koubek/netze/rhizom/rhizom.pdf (28.03.2009).

Maresch, Rudolf.

(k.A.) Virtualität, (interaktive) Benutzeroberfläche.

http://www.rudolf-maresch.de/texte/72.pdf (28.03.2008).

Möckel-Rieke, Hannah.

(1996) Der virtuelle Text. In: Klepper, M./ Mayer, R./ Schneck, E. (Hrsg.). Hyperkultur. Zur Fiktion des Computerzeitalters. De Gruyter . Berlin, New York 1996: S. 68-80.

Nelson, Theodor Holm.

(1973) As we will think. In: Online 72: Conference Proceedings of the International Conference on Online Interactive Computing. Uxbridge, UK 1973: S. 439-454.

(1981) Literary Machines. Mindful Press 1981.

Nielsen, Jakob.

(1996) Multimedia, Hypertext und Internet. Grundlagen und Praxis des elektronischen Publizierens. Vieweg Verlag. Braunschweig u.a. 1996.

 

 

Ott, Manuela.

(2005) Gilles Deleuze zur Einführung. Junius Verlag Hamburg 2005.

Petersen, Christer.

(2003) Der postmoderne Text. Rekonstruktion einer zeitgenössischen Ästhetik am Beispiel von Thomas Pynchon, Peter Greenaway ud Paul Wühr. Ludwig Verlag Kiel 2003.

Porombka, Stephan.

(2001) Hypertext. Zur Kritik eines digitalen Mythos. Wilhelm Fink Verlag München 2001.

Rötzer, Florian.

(1999) Das Web wird zum Massenmedium. Immer mehr Menschen zieht es zu einigen wenigen Websites. In: Kunstforum. Band 148. Dezember 1999 – Januar 2000: S. 58.

Schneider, Bruno.

(1978) Sprachliche Lernprozesse. Lernpsychologische und linguistische Analyse des Erst- und Zweitspracherwerbs. Gunter Narr Verlag Tübingen 1978.

Seidel, Jörg.

(2004) Rhizom. http://seidel.jaiden.de/rhizom.php (28.03.2009).

Stallman, Richard.

(1999) Freie Software ist eine politische Aktion. J.J. King im Interview mit Richard Stallman. http://www.heise.de/tp/r4/artikel/6/6475/1.html 1999. (28.03.2009).

Sterz, Maximilian.

(2005) Kollektives Schreiben im Netz. http://www.netzthemen.de/sterz-wikipedia/3-2-2-wiki-projekt-xanadu (28.03.2009).

Stingelin, Martin.

(2000) Das Netzwerk von Gilles Deleuze. Immanenz im Internet und auf Video. Merve Verlag Berlin (2000).

Yoo, Hyun-Joo.

(2007) Text, Hypertext, Hypermedia: ästhetische Möglichkeiten der digitalen Literatur mittels Intertextualität, Interaktivität und Intermedialität. Königshausen & Neumann Würzburg 2007.

Wiki Freie Universität Berlin.

(2006) Project Xanadu - "The Original Hypertext Project". https://www.inf.fu-berlin.de/w/VNBI/ProjectXanadu#Der_Name_Xanadu 2006. (28.03.2009).

1D. und G. verweisen an dieser Stelle auf die Verhaftung dieser Methodik in wissenschaftlichen Disziplinen. Als Beispiel benennen sie Chomsky's syntagmatischen Baum, der einen Ausganspunkt S besitzt und sich dichotomisch fortpflanzt (vgl. Deleuze/Guattari 1977:9).

2Ohne Frage betrachteten D. und G. ihr Modell nicht nur als systemtheoretisches Ordnungssystem sondern auch als Methodik: „Zu n, n - 1 schreiben, Schlagworte schreiben: macht Rhizom, nicht Wurzeln, pflanzt nichts an! Sät nicht, stecht! Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten! Macht nie Punkte, sondern Linien! Geschwindigkeit verwandelt den Punkt in eine Linie! Seid schnell, auch im Stillstand!“ (Deleuze/Guattari 1977:41).

3Im Folgenden nennen Deleuze/Guattari Beispiele aus der Natur, um damit den ontologischen Status ihres Modells zu untermauern (vgl. Seidel 2004): „Im Rhizom gibt es das Beste und das Schlimmste: die Kartoffeln, die Quecke, das Unkraut. Tier und Pflanze, die Quecke, das ist Meersalzkraut.“ (Deleuze/Guattari 1977:11).

4Avram Noam Chomsky (*1928 in Philadelphia, USA), amerikanischer Politologe und Linguist, ist Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Chomsky ist Begründer und maßgebender Vertreter der »generativen Transformationsgrammatik«. Die generative Transfomationsgrammatik wirft „Ende der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts die Frage nach den kombinatorischen Prinzipien der vom Strukturalismus isolierten Einheiten in den Mittelpunkt der theoretischen Entwicklungen“ (Jungen/Lohnstein 2007:210). Sie beschäftigt sich jedoch nicht nur mit universalen Formalien, „sondern bettet die damit verbundenen Fragestellungen in die Theoriebildung über Struktur und Organisationsform des menschlichen Geistes ein.“ (Ebd. 211).

5S = der zu untersuchende Ausgangssatz, als Transzendenzebene und Hierarchie-Spitze.

6„Ein Rhizom verknüpft unaufhörlich semiotische Kettenteile, Machtorganisationen, Ereignisse in Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichen Kämpfen.“ (Deleuze/Guattari 1977:12).

7Denjenigen, die sich eingehender mit Chomsky und der generativen Transformationsgrammatik beschäftigen wollen, sei Oliver Jungens und Horst Lohnsteins im Wilhelm Fink Verlag erschienenes Buch „Geschichte der Grammatiktheorie“ aus dem Jahr 2007 empfohlen.

8„Die Zahl ist kein universeller Begriff mehr, der Elemente aufgrund ihres Ortes in einer beliebigen Dimension misst; sie ist selbst eine Vielheit geworden, die entsprechend den jeweiligen Dimensionen variiert.“ (Ebd. 14).

9Erst im darauf folgenden Abschnitt geht Lindemann auf die Frage ein, inwiefern Begriffe wie Raum, Wissen und Macht „von den gängigen (okzidentalen) Modellen eines euklidischen Raums, eines kategorialen Wissens und einer zentralistisch-hierarchischen Machtorganisation unterschieden werden müssen, sofern sie als Rhizome gedacht werden.“ (Lindemann 2002:216).

10Küber bezieht sich auf den Text „Eine eigene Geschichte aus reiner Gegenwart sammelt und stapelt sich von selbst herum um mich. Zur Kritik an Gilles Deleuzes Mord am Subjekt“ von Daniel Loik, der in dem von Marvin Chlada 2002 herausgegebenen Sammelband „Das Universum des Gilles Deleuze. Eine Einführung“ erschienen ist.

11 „Dekalkomonie = Abziehbild; Verfahren, Abziehbilder herzustellen.“ (Deleuze/Guarrari 1977:20).

12Setzt sich ein Hypertext nicht ausschließlich aus textbezogenen Daten zusammen, sondern enthält ebenfalls multimediale Anteile spricht man von »Hypermedien«. Hypertext und Hypermedien werden derzeit jedoch meist synonym verwendet.

13Kuhlen verweist im Weiteren darauf, dass es in vielen Hypertexten, genannt sei hier vor allem das WWW, auch die Möglichkeit der aktiven Partizipation durch Kommentarfunktionen, Uploadmöglichkeiten etc. gibt.

14VannevarVannevar Bush (1890 – 1974), US-amerikanischer Ingenieur. Bush gilt als einer der wissenschaftlichen Pioniere in der Entwicklung von Computer-Hardware. Bush beriet Präsident Roosevelt als wissenschaftlicher Berater und wurde 1942 zum Direktor des Office of Scientific Research und Development (O.S.R.D.), das im zweiten Weltkrieg alle militärischen Forschungsprogramme koordinierte, darunter auch das »Manhattan-Projekt« zur Entwicklung der Atombombe.

15Bush schrieb „Memex“ mit einem kleinem „m“, heutzutage wird „Memex“ als Bezeichnung für ein System verwendet und wird somit groß geschrieben.

16„Consider a future device for individual use, which is a sort of mechanized private file and library. It needs a name, and, to coin one at random, "memex" will do. A memex is a device in which an individual stores all his books, records, and communications, and which is mechanized so that it may be consulted with exceeding speed and flexibility. It is an enlarged intimate supplement to his memory.“ (Bush 1945).

17„Most of the memex contents are purchased on microfilm ready for insertion.“ (Ebd.).

18„On the top of the memex is a transparent platen. On this are placed longhand notes, photographs, memoranda, all sorts of things. When one is in place, the depression of a lever causes it to be photographed onto the next blank space in a section of the memex film, dry photography being employed.“ (Ebd.).

19„Thus he builds a trail of his interest through the maze of materials available to him“ (Ebd.). Stephan Porombka benennt Bushs Protest an geläufigen Indexierungen und die Forderung nach einem Paradigmenwechsel im Umgang mit Wissen als den ausschlaggebenden Punkt dafür, dass er als Vater oder auch als Großvater (Nielsen 1996:33) der »Information Science« und des Hypertexts bezeichnet wird.

20„When it becomes evident that the elastic properties of available materials had a great deal to do with the bow, he branches off on a side trail which takes him through textbooks on elasticity and tables of physical constants.“ (Bush 1945).

21„The historian, with a vast chronological account of a people, parallels it with a skip trail which stops only on the salient items, and can follow at any time contemporary trails which lead him all over civilization at a particular epoch.“ (Ebd.).

22„What our culture has done in the development of our means of augmentation is to construct a superstructure that is a synthetic extension of the biologically derived sensory-mental-mot tor structure on which it is built. In a very real sense, the development of „artificial intelligence" has been going on for centuries.“ ((Engelbart 1963:10), zitiert nach Porombka 2001:53, Hervorhebung durch den Autor).

23Engelbarts System umfasste verschiedene sogenannte »Overview-Specifications«, die verschiedene Möglichkeiten für einen Zugriff auf die im Inhaltsbaum verwalteten Dokumente erlaubten: „Examples of other view specifications are those that control spacing between statements, and indentation for levels in the hierarchy, and determine whether the identifications associated with statements are to be displayed, which branch(es) in the tree are to be displayed, whether special filters are to be invoked to show only statements meeting specified content requirements or whether statements are to be transformed according to special rules programmed by the user.“ (Engelbart 1973).

24Im Jahr 1256 angelegte Sommerresidenz des Mongolenherrschers Kublai Khan. Ted Nelson bezog sich bei seiner Namensgebung auf das Gedicht Xanadu von Samuel Taylor Coleridge: „Xanadu, das ist im Gedicht von Samuel Taylor Coleridge der riesige Komplex, den sich Kublah Kan auf mehreren Quadratkilometern bauen lässt, mit Mauern rundherum und mit paradiesischen Grünanlagen, in deren Mitte ein Palast steht.“ (Porombka 2001:75, Hervorhebung durch den Autor). Xanadu ist dabei nicht nur Sinnbild für Prunk und Wohlstand, sondern „a magic place of literary memory where nothing is ever forgotten.“ (Nelson 1981:1/30).

25Nelson stand dem WWW eher kritisch gegenüber: „Today's popular software simulates paper. The World Wide Web (another imitation of paper) trivializes our original hypertext model with one-way ever-breaking links and no management of version or contents.“ (Nelson auf der Website des Xanadu-Projects http://xanadu.com/, zitiert nach Sterz 2005).

26 „Das junge Medium tritt in den Reifungsprozess ein und bildet eine Art hierarchische Struktur aus, bei der das Gesetz der Aufmerksamkeitsökonomie durchschlägt: Was bereits Aufmerksamkeit gefunden hat, zieht weitere Aufmerksamkeit an. War das Netz in den Anfängen eher mit einer zentrumslosen Boomtown vergleichbar, so konsolidieren sich jetzt die Innenstädte mit ihren teuren Lagen, in den sich die großen und spektakulären Bauten der Firmen ansiedeln.“ (Rötzer 1999:58, zitiert nach Kübel k.A.:12).

27Das »Arpanet« (Advanced Research Projects Agency Network) ist der Wegbereiter des heutigen Internets. Es wurde ab 1962 im Auftrag der US-Luftwaffe von einer Forschergruppe unter der Leitung des Massachusetts Institute of Technology und des US-Amerikanischen-Verteidigungsministeriums entwickelt. Ursprünglich sollte es verschiedene US-Universitäten, die für das Verteidigungsministerium Forschung betrieben, als dezentrales Netzwerk miteinander verbinden. Die Verbindungen wurden über Telefonleitungen hergestellt und auch ansonsten verfügte das Arpanet bereits über einige Funktionen des heutigen Internets.

28„The TAZ is like an uprising which does not engage directly with the State, a guerilla operation which liberates an area (of land, of time, of imagination) and then dissolves itself to re-form elsewhere/elsewhen, before the State can crush it. Because the State is concerned primarily with Simulation rather than substance, the TAZ can "occupy" these areas clandestinely and carry on its festal purposes for quite a while in relative peace.“ (Bey 2003:99).

29„In der Art und Weise, wie Macht repräsentiert wird, unterscheidet sich der Spätkapitalismus wesentlich von anderen politischen und ökonomischen Formationen. An die Stelle eines einstmals soliden Sediments der Macht treten nomadisierende Formen, ein elektronischer Datenfluss, die computerisierte Verwaltung des Wissens und der Information, in der die institutionellen Zentren des Kommandos und der Kontrolle kaum mehr auszumachen sind.“ (Critical Art Ensemble 1997:37).

30Mit dem Begriff »Zoning« wird die auf geografischen Kriterien basierte Regelung des Informationszugangs und -inhalts im Internet benannt.

31Als Geolocation wir ein Spezialfall des »Zonings« bezeichnet. Unter den Begriff fasst man das Verfahren, mit dem man IP-Adresse einem geografischen Ort zuweisen kann.