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hier veröffentlicht: 14.06.2009:01:11:25 bearbeitet:20.04.2011:02:10:39

Die seltsame stille deutscher Städte


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by beuse

Art is long and Time is fleeting,
And our hearts, though stout and brave,
Still, like muffled drums, are beating
Funeral marches to the grave.
Henry Wadsworth Longfellow

Die seltsame Stille deutscher Städte hat ihren Ursprung in der Isolierverglasung Baujahr nach 1980.

Wir leben hier ja in einem Lande in dem der Isolierglaswahn soweit fortgeschritten ist, dass er beinahe an den Glühbirnenwahn der EU Kommssion heranreicht. Zweifelsohne bildet den Hintergrund dieser Entwicklung einerseits die Trümmerlandschaft, die dieses Land ja nun einmal war, und andererseits die doch mehr als anderswo durchgreifende Bereitschaft, alles aber auch wirklich alles, was eine Einsparung verspricht, ohne Rücksicht, ohne auch nur einen Gedanken an die möglichen mannigfachen, widersprüchlichen Folgen zu verschwenden, direkt umzusetzen, wenn es auch nur einen Cent Ersparnis verspricht. Als weiterer Faktor dürfte ein als rotzmantisch zu bezeichnendes Verhältnis zur "Umwelt" hinzukommen. Abgerundet wird es dann mit dem festen Glauben der einzelne Verbraucher müsse es richten.

Wie auch immer - im Endergebnis finden sich praktisch keine nicht vollkommen verdichteten und durchisolierten Fensteröffnungen mehr. Doppelscheiben mit Zwischenbegasung und Hyperthermaldichtung versprechen die vollkommene Abschottung von "da draußen". Nichts aber auch wirklich garnichts dringt mehr von drinnen nach draußen bzw. von draußen nach drinnen.

Die berühmte Szene aus Tatis "Playtime" ist nur eine kleine Vorahnung der realen Totalisolation. Ein kleiner, alter Portier steht vor der Glasfront eines gläsernen Bürogebäudes, innen. Plötzlich erscheint außen ein Arbeiter der durch die Scheibe, die man erst jetzt wahrnimmt, den Portier nach Feuer fragt. Der Portier lenkt den Arbeiter unter Zuhilfenahme einer Zeichensprache zur nächstgelegenen Tür. Die beiden gehen kurz die Fensterfront entlang und kommen schließlich an eine Tür, ebenflls aus Glas, der Portier öffnet die Tür, der ganze Lärm, die ganze Athmosphäre der Stadt bricht in den stillen gläsernen Bürotempel, die gläserne Isolation wird durchbrochen indem der Portier dem Arbeiter Feuer gibt.

Als sicher gilt die Beobachtung, dass die weniger isolierverglasten alten Städte z.B. Italiens oder Frankreichs, reicher sind an; Gerüchen, Geräuschen, allgemeinen Lebensäußerungen aller Art (Ehekrach, Radio an, Singen unter der Dusche, diverse Schreie), etc..

Genau diese Athmosphäre ist es die in den Reiseberichten der meisten Isolierglaslandbewohner den deutlichsten Eindruck hinterlässt, hier suchen sie die das "Leben im Süden", "Das Lachen", "Die Freude" usw.usf.. Wer hätte gedacht, dass sie nur ihr Isolierglas gegen Einfachglas austauschen müssten um all dieses zu erleben.

Durch dieses "Mehr" an sinnlichen Reizen entsteht der Eindruck einer dichten und lebendigen Athmosphäre. Meiner Auffassung nach spielt hierbei die weniger vorhandene Isolierverglasung, Bauart nach 1980, eine wichtige Rolle. Einfachverglasung ermöglicht einen viel effizienteren, quasi-osmotischen Austausch zwischen drinnen/draussen. Nachdem ich nun in einem alten Haus mit Einfachverglasung seit einigen Monaten wohne, kann ich diesen Eindruck nur bestätigen. Die "Welt da draußen" wirkt lebendiger, man ist viel stärker Teil des Geschehens. Darüber hinaus scheint mir auch das Wohnklima angenehmer und frischer. Man bekommt wenigstens nocht etwas von "den Elementen" mit, wenn es regnet ist das besonders angenehm.

Doch ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Durch die entstehende Ruhe entwickelt sich im Laufe der Jahre der Eindruck die Welt sei eben so ruhig, sobald man die Isolierverglasung geschlossen hat. Von draußen dringt ja auch nichts Interessantes mehr herein, da ja alle Anderen auch hinter Isolierglas hocken. Draußen übernimmt allein der unbeherrschbare Lärm der Autos die Regie, alle anderen Geräusche sitzen ja hinter Isolierglas.

Im weiteren Verlauf der Isolierglaszeit achten die Menschen mehr und mehr auf die Geräusche aus dem Inneren des Hauses, und aus dem Inneren des eigenen Körpers, oder des Körpers der anderen Anwesenden. Es kommt wie es kommen muss: Die Nachbarschafts- streitigkeiten nehmen zu, eine esoterische Hinwendung zum "Inneren" erfolgt, denn nun muss alles auf IsolierglasGeruchsSchallSonstwaspegel gebracht werden. Wer "The Tell-Tale Heart" von E.A. Poe kennt, der weiss jetzt prinzipiell was gemeint ist, und auch, dass der Isolierglaswahn in seinen erschreckendsten Momenten Symptome ganz außerordentlicher Dramatik zeigt. Wir haben es im Falle der Isolierverglasung also mit einer Spirale der Isolation zu tun, die im Endeffekt das gesamte Gemeinwesen in seinen Wurzeln tangiert, die kulturelle Praxis einer ganzen Gesellschaft beeinflussen kann. Einfachverglasung dagegen unterstützt das sinnliche und lebensbejahende Erleben der Welt.