Aktion/Performance von Lars H. Beuse & Christine S. Thon, 2006
Schlagworte (Tags) Geschwindigkeit und Beschleunigung,Experimentelle Räume, Öffentliche Kunst, Fluxus,Erinnerungsmuster,Denkmal,Erinnerung/Raum,Performative Installation,Gewächshaus der Erinnerung,


erstmals: 07.11.2006 hier veröffentlicht: 07.08.2009 bearbeitet:20.01.2012

Factor Board


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 Die Factor Board Performance fand auf dem Gelände des ehemaligen 4711 Gebäudes an der Venloer Straße in Köln Ehrenfeld statt. [-> Napoleon soll 60 Flaschen pro Tag verbraucht haben. Auch Johann Wolfgang von Goethe hat stets den "Duft der feinen Gesellschaft" bestellt und sich einmal handschriftlich für eine Lieferung bedankt, "welche den Frauenzimmern sehr gefallen" habe."]




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"Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Daß es “so weiter” geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene. […] Die Rettung hält sich an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen Katastrophe."

[ Walter Benjamin, Gesammelte Schriften. Bd. I, 2, S. 683 ]

 

Ein dynamisches, evolvierendes System, dessen Horizont weder im Hinblick auf Zeit noch Entwicklungspotential begrenzt ist. Hieraus ergibt sich, dass menschliche Gesellschaften (Städte), selbst als dynamisches, evolvierendes System angelegt sein müssen um den Grundkonflikt von Kultur und Natur, die Kluft letztlich, die sich zwischen Zivilisation und Wildnis auftut, überwinden zu können.

 Die Factor Board Performance fand auf dem Gelände des ehemaligen 4711 Gebäudes an der Venloer Straße in Köln Ehrenfeld statt. [-> Napoleon soll 60 Flaschen pro Tag verbraucht haben. Auch Johann Wolfgang von Goethe hat stets den "Duft der feinen Gesellschaft" bestellt und sich einmal handschriftlich für eine Lieferung bedankt, "welche den Frauenzimmern sehr gefallen" habe."]

Heute ist aus der ehemaligen Parfumfabrik ein Einkaufs- Gewerbe- Wohnkomplex geworden. An relativ wenigen Orten Kölns trifft man so offensichtlich auf Entwicklungen, auf Zeit, auf Veränderungen wie hier. Dieser Wandel von einer Produktionsstätte in einen Wohn- Kleingewerbe- und Konsumraum ist interessant. 4711 hat in den vergangenen Jahren mehrmals den Besitzer gewechselt. 1994 kaufte der Darmstädter Haarkosmetik-Konzern Wella zunächst 90 Prozent der Muehlens KG. Wella wiederum wurde 2003 von Procter & Gamble übernommen. Nun also Dalli Dalli: Mäurer + Wirtz unter dem Dach des Waschmittelherstellers Dalli übernehmen 2006 die Marke 4711 und ebenfalls das berühmte Kölner Haus in der Glockengasse.

Der Performanceablauf:
Ein Skateboard dient als Basis der Performance, außerdem verschiedene auf Papier gedruckte historische Film- bzw. Videostills, die aus Privataufnahmen von Leuten sowie aus Nachrichten- und Dokumentarschnipseln bestehen.

Dieses Footage wird gesichtet, dann werden aus dem Bilderfluss Stills exportiert und schließlich auf Papier gedruckt. So entsteht ein Fundus aus gedruckten Sekundärmedien.

In einem nächsten Schritt werden die Stills, die weiter verwendet werden sollen, zurechtgerissen, diese Ausrisse werden in einem Behälter gesammelt.

Der Behälter mit den Ausrissen wird ausgeschüttet, nun findet der letzte Auswahlprozess statt: Vom Papierberg der Ausrisse werden einzelne ausgewählt um schließlich auf das Skateboard, das "Factor Board", geklebt zu werden. Dieser mehrfache Auswahlprozess ist nicht-öffentlicher Teil der Performance. Ein aggressiver, dabei doch kontemplativer Akt des  abbremsenden Auswählens. Die Bewegung des Footage wird gestoppt, und in Einzelbilder übersetzt, dann schließlich werden die Bilder erneut in Bewegung gesetzt, aber nun gleichsam passiv, denn erst durch die Bewegung des "Factor Boards" werden sie erneut zu bewegten Bildern.

Im öffentlichen Teil findet die erneute Kontextuierung und Bewegung der Ausrisse statt. Das Board wird an verschiedenen Stellen des 4711 Gebäudekomplexes quasi ausgestellt, dabei abfotografiert.

Nach diesem ‘Austellungsprozess’ erfolgt das ‘Moven’ auf dem Factor Board, mit abschließendem Absprung, und hochreißen des Boards.


Ein weiteres Zitat von Walter Benjamin [Über den Begriff der Geschichte These IX]:

“Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm. ”

 

"Mediale Fragmente" die nur minimalste Begleitkommentierung brauchen um verstanden zu werden. 

 

Credits

me, myself and i




(c) christine s. thon, lars h. beuse Bild/Kunst: Urhebernummer: 182 29 53